Donnerstag, 14. Februar 2008

Mein neues zu Hause in São Paulo




Am 14. Februar war es dann endlich so weit. Mein Umzug nach SP war vollzogen - nicht zuletzt durch die erneute Hilfe von Rodrigos Familie. An dieser Stelle sei ihnen herzlichst gedankt. Seitdem wohne ich mit André, meinen brasilianischen Mitbewohner hier in Pinheiros in einer schönen, wenn auch alten Wohnung mit Stil. Sie hat zwei Schlaftzimmer, ein Wohnzimmer, Küche und Bad und einem schönen Balkon, wo Nachmittags die Sonne drauf scheint. Die Einrichtung ist teilweise sehr antik und Bad und Küche sind im Stil der 70er. Sehr kultig alles hier... Mir gefällt es. Eingentlich ist alles vorhanden: Herd, Ofen, Kühlschrank, Waschmaschine, Mikrowelle, TV, W-LAN, Telefon und ein Hausmeister, der sogar den Müll runterbringt. Cool, oder? Und da André noch weniger gerne putzt als ich, kommt ab und zu mal ne Putzfrau vorbei, die das schlimmste hier beseitigt. Brasilien ist und bleibt ein Dienstleistungsland. Wenn man es sich leisten kann, spart man sich die Arbeit und lässt es jemand anderen machen. Völlig normal!

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Das Viertel, in dem unsere Wohnung liegt heißt Pinheiros und liegt in der Zone West von SP. Es ist bekannt für seine vielen Geschäfte, Bars und Galerien. Für mich ist hier besonders wichtig, dass die Hauptverkehrsadern zwischen Zentrum und dem Westen quasi direkt an meinem Haus vorbei führen, denn die Uni ist somit für mich leicht erreichbar. Ohne Rushhour sind es etwas 20 Minuten mit dem Bus, was in SP schon direkte Nachbarschaft bedeutet. Mit Rushhour werden daraus allerdings schnell 1 1/2 Stunden. Der Verkehr hier ist wirklich ein Horror und wird auf kurz oder lang die Stadt zum kollabieren bringen, vermute ich. Wir wohnen an der Grenze zu Vila Madalena, das Viertel mit dem legendären Nachtleben von SP, eine Bar reiht sich an die nächste und Nachts sind die Straßen voll mit Leuten. Auch einige Diskotheken und Club sind hier zu finden. Tagsüber kann man dort die noch mehr Galerien und anderes Kunstgewerbe finden - Schmuck, Keramik, Mosaik, Glas, Malerei und, und, und.

Alle Fotos meiner Wohung findet ihr unter:

http://picasaweb.google.com/RomannoBrasil/MeineWohnung?authkey=wVEM-D4y5Ew

Zur Stadt selber kann man endlos viel erzählen. Einige Fakten die mich beeindruckt haben: Die Metropole hat ca. 12 Millionen Einwohner und 6 Millionen Autos, was auch den drohene Verkehrkollaps erklärt. Die Makrometropole, das heißt, einschließlich der angewachsenen Vororte, die jedoch nicht von der Stadt verwaltet werden, hat sogar an die 20 Millionen Einwohner. Diese Zahl ist unvorstellbar und kann man, selbst wenn man hier wohnt, nicht begreifen. Die Stadt ist einfach nur endlos. Ich bin noch kein mal an ihren Rand gestoßen. Man muss sich schon in einen Fernbus setzen und wegfahren, um dieser Stadt zu entfliehen. Es fließen zwei große Flüsse durch die Stadt, sofern man das noch Flüsse nennen kann, denn sie gelten offiziell als biologisch tot. Und was biologisch tot heißt, ist auch biologisch tot. Sie dienen nur noch der "Abwasserentsorgung" und sind neben privaten Abwässern vor allem durch Schwermetalle von Industrieabwässer vergiftet. Und wer Angst um die Umwelt hat, wenn man im Fernsehen mal einen Ölteppich von einem Tankerunglück sieht, der darf nicht nach SP kommen. Die tiefschwarze Brühe vom Rio Pinheiros, der mein Stadtviertel von der Cidade Universitária, wo die USP liegt, trennt, wird von einem Fekalienteppich gekrönt und transportier jeden Tag seinen Inhalt sonst wohin. Und vom Geruch, den ich jeden Tag mindestens zwei mal inhalieren darf, wenn ich mich dem Bus den Fluss überquere, will ich garnicht erst anfangen.


Ihr seht die Stadt hat unschöne Seiten. Und dass ich damit meine Erzählung über die Stadt beginne, ist meiner Ansicht nach in einer Art und Weise charakteristisch für SP. Es erschreckt ein deutsches Auge, wie ich es habe, einfach und macht, bevor die erste Abstumpfen der Situation gegenüber einsetzt, vor allem nach denklich, ob unsere westlich Art Zivilisation zu erschaffen wirklich eine Zukunft hat.

Doch die Stadt hat trotz ihres krassen ersten Eindruck etwas ganz besonderes und so natürlich auch unglaublich viele schöne, interessante und aufregende Seiten, die ich teilweise schon kennenlernen durfte. Im nächsten Post will ich euch die Stadt auf positive Art und Weise vorstellen, damit ihr nicht denke, ich würde mich hier nicht wohl fühlen. Doch vorerst genug...

Viele liebe Grüße,

euer Roman

Samstag, 9. Februar 2008

Karneval Episode V - Der Trip nach Rio

Mit diesem fünften Teil komme ich zur letzten Episode meiner Erzählungen über Carneval. Da ich euch ja schon einiges über die Umzüge und ihre Eigenschaften erzählt habe, möchte ich euch hier ein bisschen mehr über meinen Trip erzählen.
Nun, nachdem ich ewig versucht hatte am eigentlichen Karnevalswochenende nach Rio zufahren, hatte ich letztendlich die Pläne aufgeben müssen, weil die Stadt zu dieser Zeit wirklich im Ausnahme zustand ist. Die Hostels, und Hotels kosten ein Vielfaches, Couchsurfing war auch komplett ausgebucht und die paar Leute, die ich in Rio kenne, hatte auch keinen Platz für mich. :-(
Also hatte ich mich darauf gestützt, dass am Folgewochenende nochmals Umzüge zu sehen sind. Sie nennen sich "Desfile das campeaes", was so viel bedeutet wie "Umzüge der Gewinner". Das heißt konkret, dass die sechs besten Schulen, die am vorigen Wochen gekürt wurden, nochmals auftreten. So verbrachte ich die Woche mit informieren und dem Versuch etwas zu organisieren. Doch wie immer, war das nicht so leicht, hier in Brasilien. Das Reisebüro, was Fahrten inkl. Eintritt anbietet, konnte nicht so richtig anbieten und angeblich war wieder alles ausverkauft. Anfangs wollte mich Rodrigo noch begleiten, weil auch er noch nie diese Umzüge gesehen hat. Allerdings ohne konkrete Pläne und keine Ahnung über die entstehenden Kosten, ist er letztendlich doch abgesprungen, was ich sehr schade fand.
Ich hatte trotzdem richtig Lust und wollte mir die letzte Chance nicht entgehen lassen. So bin ich letztendlich allein und ohne Ticket nach Rio gefahren. Die Busfahrt dorthin hat ca. 3 Stunden gedauert und endete gegen späten Nachmittag am Terminal Novo Rio. Ab da war ich doch etwas beunruhigt. Die vielen Erzählungen über die Kriminalität in Rio hatten mich doch verunsichert und ich kannte mich kein Stück aus. In Rio war ich mit Heidi verabredet. Sie ist eine deutsche Studentin aus Stuttgart, die in Rio ihren Austausch macht. Wir waren in Ipanema verabredet. Mit etwas Fragerei und nach einem mörderischen innerstädtischen Busrennen (die Busfahrer in Rio haben echt noch einen größeren Schatten als in SP!!! Und was "Schlechtwegerprobung" in Realität heißt, weiß ich jetzt auch.) kam ich in Ipanema dort. Dort hat mich Heidi dann abgeholt und wir haben uns mit Ju, ihrem Bruder und dessen Freundin, alles Freunde von Heidi, getroffen. Nach langem hin und her und einigen Geldabhebeproblemen seitens Heidi, sind wir dann aber gegen 21h mit dem Auto zu Sambódromo von Rio gefahren.
Mit einiger Hilfe von Ju haben wir dann vor dem Stadion noch Schwarzmarktkarten für je 50 R$, was wirklich nicht teuer war, bekommen. Und eines kann ich sagen, es gab noch genügend Karten zu kaufen. Die Panik war ganz umsonst... :-) Allerdings wollte die anderen nicht mit und so haben sich Heidi und ich von den anderen verabschiedet und sie reingegangen.
Gegen 22h saßen wir dann im dennoch gut gefüllten Block 1 des Sambódromo. Dieser Blog liegt ganz am Anfang, dort wo der Zug eigentlich noch gar nicht richtig läuft. Aber was mir daran sehr gut gefallen hat, war, dass sich die Tänzer, Gruppen und Wagen dort bereits richtig warm machen. Also haben wir nichts verpasst. Und als Bonus "parkte" die Bateria direkt gegenüber. Und ich liebe die Baterias der Sambaschulen und ihre Musik...


Zu den einzelnen Schulen kann ich nur sagen: FANTASTISCH! Diese prachtvollen Kostüme, die Tänzerinnen, die Freude, die sie versprühen, die Atmosphäre ist unbeschreiblich. Und was sicherlich alle anderen Umzüge und Schulen, die ich bis dahin gesehen hatte in den Schatten stellt, sind die Wagen. Unglaubliche Inszenierungen, Aufbauten und Installationen mit unzähligen Tänzern zogen an mir vorbei. Jede Schule hatte fünf, sechs solcher Wahnsinnswagen. So haben wir mit viel Spaß und völligem Erstaunen bis etwa 5 Uhr morgens die sechs Schulen betrachten und bejubelt. Die Erfahrung war wirklich einmalig und wunderschön. Einmal im Leben muss man das gesehen habe, meine ich… Schaut euch einfach die Fotos und Videos dazu an. Mit Worten kann man diese Fantasie nicht beschreiben.

http://picasaweb.google.com/RomannoBrasil/KarnevalsumzGeInRio?authkey=p-dB-60yreQ

http://youtube.com/romannobrasil

Anschließend sind Heidi und ich mit dem Bus zurück an die Copacabana gefahren, um den Morgen mit einem Frühstück mit Sonnenaufgang am Strand zu beginnen. Wunderschön, kann ich dazu auch nur sagen. Das Flair der Copacabana ganz ohne den Massentourismus, der tagsüber dort herrscht, ist ganz anders. Heidi ist im Anschluss nach Hause und ich begann meinen lange Strandtag in Rio.

Ziemlich müde aber dennoch gut gelaunt bin ich den ganzen Tag den Strand der Copacabana un von Ipanema bis Leblon abgelaufen. Und obwohl die Tage vorher nur Regen angekündigt war, hat den ganzen Tag die Sonne geschienen. Leider konnte ich mich mit meiner Regenjacke - wie gesagt, ich hatte mich auf Regen eingestellt – nicht besonders gut gegen die Sonne schützen. Resultat dieses herrlichen Strandtages war dann also mein erster Sonnenbrand von Brasilien. :-) Die Strände von Rio sind dort richtig schön. Es gibt schöne Promenaden, herrliche Aussichten und immer was zu sehen. Es herrscht unheimlich viel Leben an Land und zu Wasser. Zwischen meinen Spaziergängen habe ich hier und da mal ein Nickerchen eingelegt oder ein Água de Côco genossen. Schließlich war es gut über 30 Grad, da brauchte ich schon mal eine Abkühlung. Gegen 4 Uhr Nachmittags war ich dann doch völlig am Ende und ich habe mich auch den Rückweg gemacht. Die Rückkehr zum Busbahnhof war dann nochmal etwas anstrengender. Die innerstädtischen Asphalt- und Betonwüsten, die teilweise auch Rio dominieren, hatten sich bis zum Nachmittag auf über 40 Grad aufgeheizt. Zu viel für mich. Da bevorzuge ich doch die Küstenbrise und das Strandflair…


Weitere Eindrücke in Fotos gebannt findet ihr hier:

http://picasaweb.google.com/RomannoBrasil/RioDeJaneiro?authkey=3_emwLdRbhY


Viele liebe Grüße,
euer Roman

Dienstag, 5. Februar 2008

Karneval Episode IV- Der Umzug der Sambaschulen Guaratingetás




Nach vier Tagen ereignisreichem Carnaval in Cachoeira war ich doch neugierig, was Brasilien sonst noch zu bieten hat. Ich hatte gehört, dass in Guaratingetá ein relativ großer Umzug ist. Das hat mich gereizt. Einige von Rodrigos Freunden wollten zu diesem Umzug und ich entschied mich dazu, mitzugehen. Wie ich allerdings schon jetzt oft erleben musste, war auch diesmal das gesprochene Wort von geringem Wert. Nach langem hin und her, war ich schließlich der einzige, der noch ersthafte Ambitionen hatte nach Guará zu fahren. Somit blieb letztlich noch dir Schwierigkeit an eine Eintrittskarte zu kommen, denn auch dieser Umzug war sehr beliebt und deswegen natürlich längst ausverkauft. Da ich mich etwas auf meine vermeidlichen Begleiter verlassen hatte, stand ich jetzt etwas blöd da. Aber trotz aller Verlässlichkeitsprobleme muss ich gestehen, dass die Brasilianer fast immer freundlich sind und alles dafür tun, dir zu helfen.



Videos aus Guará findet ihr auch bei:
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http://www.youtube.com/romannobrasil


So hat Simone, eine Freundin von Rodrigo, die eigentlich in Guará wohnt, eine Karte für mich besorgt. Und das Beste war, trotz mangelnder Begleiter wurde ich herzlichst betreut. In diesem Falle von Simones Mutter, die mich abends gegen 9 Uhr in Guará am Busbahnhof abgeholt hat und zum Umzug gefahren hat. Die Karte habe ich von ihr bekommen und dazu noch gratis. War irgendwie eine Freikarte über Connections der Familie. Das habe ich nicht so richtig verstanden, war aber auch egal. Ich habe mich herzlichst bedankt und den Abend doppelt genossen.
Vom Ausmaß und der Professionalität unterschied sich dieser Umzug schon gewaltig von dem in Cachoeira. Es gab ein richtiges, wenn auch kleines Sambódromo. Das sind die typischen Stadien, die man vom Carnaval in Brasilien kennt. Es besteht aus einer langen Straße mit zahlreichen, unterschiedlichen Tribunen am Rand. Ich hatte einen guten Platz gegenüber den VIP-Tribunen. Es war gerappelt voll und es herrschte eine super Stimmung. Die Zuschauer tanzen und singen auch hier mit, natürlich. Nachdem ich etwa um 10 Uhr meinen Platz gefunden hatte, war die erste Schule schon durch. Dies hat allerdings nicht wirklich was ausgemacht. Denn es folgten noch weitere 5. Wesentlich Unterschied zum kleinen „Dorfumzug“, den ich die Tage zuvor gesehen hatte, waren die prachtvollen Wagen - Größer, mit mehr Schmuck und toller Performance. Außerdem hatten die Schule schon ziemlich aufwendige und anspruchsvolle Choreographien einstudiert. So wurden Pyramiden gebaut, Leute durch die Gegend geworfen, getanzt und gespielt. Mir hat das sehr gut gefallen und soviel kann ich vorwegnehmen, in Rio habe ich solche Vorführungen nicht mehr gesehen.



Da jede Schule etwa eine Stunde zur Verfügung hat, ging auch diese Veranstaltung bis in den Morgen. Etwa gegen 4 Uhr war alles vorbei und ich todmüde. Obwohl schon währenddessen viele Leute gegangen waren, strömten jetzt die Massen aus dem Sambódromo. Zum Glück habe ich ziemlich schnell ein Taxi gefunden, welches mich wieder zurück zum Busbhf. gebracht hat. Dazu gibt´s aber noch eine kleine Anekdote am Rande: Der Taxifahrer, den ich ansprach, stand neben seinem Taxi und hat mit einem anderen Mann geredet. Wenig beeindruckt von meiner Frage, ob er mich fahren kann, ließ er sich nach einiger Zeit zu mir herab, um mir zu antworten. Seine Antwort war: „Fahr mit ihm!“ Gemeint war der andere Mann. Dieser hatte aber wohl auch kaum ernsthafte Lust an mir zu verdienen und verschwand schnell im Getümmel. Der erste Fahrer… unternahm nichts. Nach ca. 5 Min. dummen Rumstehen und meinerseits erneutem Umschauen nach einem Taxi, sagte er dann doch zu mir, ich solle einsteigen. Daraufhin folgte dummes Gelaber. Er wollte mich unbedingt mit dem Taxi nach Cachoeira fahren, weil doch jetzt kein Bus käme. Bla, bla, blub. Da ich aber wusste, dass schon bald wieder ein Bus fahren würde, ließ ich mich nicht einlullen. Sichtlich trotzig steuerte der Fahrer deswegen die nächste Tanke an, um dort – ich schätze mal 2 Liter – Sprit zutanken und wiederrum dumm rumzustehen. Schon klar, die Uhr lief weiter… Irgendwie musste er ja noch sein Geschäft machen. Ich habe mich entspannt und wieder an den Solidaritätsbeitrag gedacht, den ich hier leiste… hihi. So kam ich letztendlich sicher und genügend spät am Busbhf. an, an dem schon andere Carnavalsgänger auf eine Gelegenheit nach Hause zu fahren warteten. Nach einer knappen Stunde warten, stieg ich letztendlich völlig erschöpft aber auch total beeindruckt und glücklich in den Bus ein, um meine Heimreise anzutreten.
Insgesamt und trotz aller Eskapaden hat sich dieser Ausflug aber richtig gelohnt und riesig Spaß gemacht. Ich war sehr zufrieden, doch noch einen größeren Umzug erlebt zu haben. Denn bis dahin wusste ich noch nicht, dass ich doch noch nach Rio fahren würde…



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Alle Fotos könnt ihr bei Picasa anschauen:

http://picasaweb.google.com/RomannoBrasil/KarnevalDerUmzugInGuaratinget?authkey=6VbUovcJsF4


Viele liebe Grüße,
euer Roman

Montag, 4. Februar 2008

Karneval Episode III - Der "Narrenumzug" O bloco da Raia

Der nächste Tag startete, wie zu erwarten war, verkatert. Aber das war man am vierten Tag ja schon gewöhnt. Ein entspannter Nachmittag ließ die Lebensgeister aber rechtzeitig zurückkommen. Rechtzeitig für den Bloco da Raia. Diese Veranstaltung hat es wirklich in sich. Hat irgendwie was vom Narrenkarneval, den hierbei gilt es sich ziemlich närrisch zu verkleiden. Heißt konkret, dass die Männer als Frauen verkleidet gehen. Die Frauen tun gleiches nur teilweise. Allerdings ist dies für alle Hobby- und Vollzeittransvestiten der Tag des Karnevals. Insgesamt ist mir sowie so aufgefallen, dass es überhaupt übermäßig viele Transvestiten im Carnaval gibt.

Manchmal sind Sie verblüffend gut verwandelt und ich habe erst bei genauem hinsehen ihre Maskerade erkennen können. Cuidado!, sag ich nur dazu. Und glaubt mir, auch was ihr von Rio oder SP im TV sehen könnte, ist nicht immer waschecht! So sind wir späten Nachmittag bei einer Freundin von Rodrigo zum Dressen geladen gewesen. So sind wir, 6 Jungs, von Mutter samt 3 Töchtern eingekleidet und geschminkt worden. Die hatte ihren Spaß und wir mussten herhalten. War zwar schon ganz lustig, aber meine transvestitischen Neigungen halten sich dann doch in Grenzen. Aber was tut man nicht alles, um sich in die fremde Kultur zu integrieren. Umso lustiger war jedoch der folgende Event. Wieder mit Vodkamix bewaffnet sind wieder ins Stadtzentrum gelaufen. Nach anfänglichem Unwohlsein, vor allem wegen dem ziemlich stark gekürzten Kleid, das ich trug, gewöhnte ich mich dran. Und es waren wirklich fast alle Männer der Stadt als Frauen verkleidet. Gemeinsam wurde dann auf gleichem Weg der Umzüge des vorigen Tages der Bloco da Raia gefeiert. Dabei handelt es sich wohl um eine sehr alte und damit umso beliebteste Tradition. Es gab ebenfalls eine Bateria und einige Sänger, die folgendes Lied gesungen haben:

É o bloco da Raia
tem o sangue temperado
quando chegar o carnaval,
meu amor, deixa a tristeza de lado.
Abram alas minha gente
nosso bloco já chegou,
vem passando na rua da raia
pra mostrar o seu calor.

Ist ein sehr prägendes Lied, das man perfekt mit grölen kann. Und das Highlight an sich, war schließlich der einzige teilnehmende Wagen. Von ihm aus wurde nämlich statt Kamelle Freibier verteilt – und zwar ohne Ende. Verdanken hatten wir das dem neuen Prefeito der Stadt, der sich wohl unter seinen Wähler weiter beliebt machen wollte. :-) Aber was soll ich sagen, ich mag ihn auch. Der Umzug und der restliche Spaß auf der Straße dauerte etwa 2, 3 Stunden. Danach entschied sich die Mehrheit, mich eingeschlossen, für eine Umziehen und Abschminken bevor es wieder mal in den Clube ging. Nur der harte Kern zog den ganzen Abend in Frauenklamotten durch. Nichts für mich. Sonst kann ich zum restlichen Abend nichts Neues erzählen, außer dass er diesmal in der Bar von Rodrigos Onkel endete und wieder mal einen herrlichen Reis-Hähnchen-Eintopf serviert wurde. Das Beste gegen zu viel Bier…
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Alle Fotos könnt ihr bei Picasa anschauen:
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Viele liebe Grüße,
euer Roman

Sonntag, 3. Februar 2008

Karneval Episode II - Umzug der Sambaschulen Cachoeiras

Der Sonntag fing also etwas entspannter und vor allem fitter an. Was aber nicht heißen soll, das nicht gleich weiter gefeiert wurde. Denn der Clube hatte auch nachmittags was zu bieten – zumindest für Kinder, denn die wollte auch Karneval feiern. So gab es eine Matinê, zu der auch einige Erwachsene, auch ohne Kinder im Gepäck, kamen, um direkt mal das erste Nachmittagsbierchen zu zischen – so auch Rodrigo und ich. War ganz lustig und auch süß, die ganzen kleinen Fratze mit ihren Kostümchen zu sehen. Und was soll ich sonst sagen, war schon ´ne echte Party, das Bier war schon gut kühl und die Tänzerinnen haben auch für die Kids getanzt…
Am Abend fand sich dann wieder der Bloco ein - wie gehabt in der Hütte zum Vorbrennen. Neben Wodka durfte aber jetzt auch Bier getrunken werden. Dies minderte den

Wodkakonsum jedoch kaum, schätze ich. Zudem haben sich alle Blocomitglieder, die Los miguellitos, traditionell mit eigens designtem Bloco-T-shirt und in Blocofarben angemaltem Sombrero gedresst. Ich wurde somit offiziell zum ersten ausländischen Miguellito ernannt. Fühlte mich sehr geehrt.
Ich hatte meinen Abend allerdings vor erst anders begonnen. Denn auch die Kleinstadt Cachoeira besitzt Sambaschulen, die an Karneval einen Umzug, den sogenannten Desfile, ausrichten. Also bin ich gegen 10 Uhr am Abend ins Zentrum der Stadt gegangen. Die Hauptstraße und der Zentrale Platz waren Ort des Geschehens. Es gab eine Bühne, Tribünen und jede Menge Stände und Buden zur Verköstigung. Danke Joaquim, Rodrigos Vater, der im Rathaus arbeitet, konnte ich den Umzug von der Bühne aus betrachten. Die Sicht auf dem Zug war hervorragend.
Alle Umzüge, egal ob in Rio, SP, Guará, Cachoeira oder sonst wo, sind im Prinzip gleich– will ich jetzt mal behaupten. Sicherlich gibt es regional Unterschiede, aber für die Umzüge, die ich gesehen habe, trifft dies zu. Vorneweg läuft die „Commisão em frente” oder „Abrealas“ – eine Vorhut, die eine besondere Choreografie oder Performance macht. Ursprünglich war sie wohl dafür da, die Menschenmenge zu teilen, um Platz für den Zug zu schaffen. Daraufhin folgen die „Alas“, die einzelnen Gruppen, die gleiche Kostüme tragen und gemeinsam tanzen, die „Batterie“, die Kapelle, die berühmte Musik des brasilianischen Karnevals macht und der „Enredo“, die Sänger, die außerdem von Gitarren begleitet werden. Außerdem gibt noch ein oder mehrere Paare von „Porta-Bandeira“ und „Mestre-Sala“, die zwischen den Alas auftreten. Sie, die „Porta-Bandeira“ trägt ein großes aufwendiges Kleid und außerdem die Fahne (Bandeira) der Samba Schule. Da das Kleid über 10 kg wiegen kann, tanzt sie meist nicht viel, sondern dreht sich nur um sich oder ihn. Er, der „Mestre-Sala“ tanzt dafür umso wilder und heftiger. Sein Kostüm passt zu dem der „Porta-Bandeira“ ist aber nicht so ausladend und mächtig. Sonst sieht man dazwischen immer wieder die berühmten Sambatänzerinnen, die wohl jeder aus dem Fernsehen kennt. Und dieser Eindruck ist wirklich wahr. Meist sind es wohl geformte Brasilianerinnen mit möglichst wenig Bekleidung aber dafür mit riesigen und prachtvollen Federkostümen auf dem Rücken. Sie tanzen ausgelassen und feuern die Menge an mitzumachen oder zu jubeln. Für die Batterie tanzt es eine besondere Tänzerin. Dies ist die Königin, die „Rainha da bateria“ und vertritt sozusagen die ganze Sambaschule. Für die großen Sambaschulen in Rio oder SP sind dies oft Prominente, wie Schauspielerinnen oder Models. Und wo es Königinnen gibt, gibt´s auch Prinzessinnen. Sie begleiten die Königinnen und können trotz manchmal wirklich jungen Alters zu meinem Erstaunen auch fantastisch tanzen. Zu guter Letzt darf ich natürlich die Wagen der Sambaschulen nicht vergessen. Diese unterscheiden sich natürlich drastisch in Größe und Aufwand, abhängig von Größe und Finanzkraft der Schulen. Aber vorhanden sind sie immer und passen thematisch mehr (oder weniger) zum Auftritt oder tragen auch das Wappen der Schule.


So habe ich die 4 Sambaschulen von Cachoeira genossen. Ich konnte von der Bühne schauen, runter auf die Straße gehen und mitlaufen. Einen Teil habe ich auch vom Haus von Rodrigos Onkel aus beobachtet. Dies war im Bereich, wo sich die Teilnehmer vorbereiten und warmtanzen. Das war besonders cool, denn ich konnte in Ruhe Fotos schießen und ein bisschen mit den Leuten quatschen. Als Besonderheit gab es in Cachoeira auch eine Capoeiragruppe, die ein Ala gebildet hat. Ebenfalls durch die Kontakte von Joaquim bin ich mit dem Mestro der Gruppe in Kontakt gekommen. Als dieser mich dann während des Umzugs in der Menge wieder erkannt hat, hat er mich eingeladen mit zu spielen. Und so wurde ich ganz unverhofft zum Teilnehmer der Umzüge von Cachoeira – und der einzige ausländische noch dazu, wahrscheinlich. Hat riesig Spaß gemacht.

Videos findet ihr wieder unter:


http://www.youtube.com/RomannoBrasil


Nach einigen Stunden unterhaltsamer Parade bin ich dann doch noch zum Bloco gekommen und habe mich der feiernden Miguellitogemeinschaft angeschlossen. In einheitlichem Blocopoutfit ging es dann aber wieder relativ schnell in den Clube. Dort waren schon einige Hundert Leute am feiern. Neben unseren Leuten vom Bloco gab es viele andere Gruppen. Untereinander gilt es traditionell dann mehr zu feiern und mehr Spaß zu haben als die anderen Blocos. Wo das hinführt, kann man sich vielleicht vorstellen… Wiederum bis in den Morgen wurde gefeiert und getrunken.
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Freitag, 1. Februar 2008

Karneval Episode I - Der Bloco und Clube

Freitag, 01.02.2008
Dass Karneval hier in Brasilien genau so ausgiebig, wenn nicht noch heftiger, gefeiert wird wie in Deutschland ist hinlänglich bekannt. Dennoch will ich versuchen einigermaßen kompakt meine zahlreichen, schönen, lustigen und auch so anderen Erfahrungen zu erzählen. Trotzdem werde ich von jedem Tag einzeln berichten, da sich Unterschiedlichstes ereignet hat.
Begonnen hat der Karneval hier am Freitag, den 01.02.2008 mit dem sogenannten Bloco. Das ist sowas wie ein Karnevalsverein, der die gesamte Organisation für Location, Versorgung mit Alkoholika und Gestaltung der Verkleidungen und Umzüge übernimmt. Von diesen Blocos gibt es jede Menge hier in Cachoeira. Das ist aber kein lokales Phänomen, denn in Rio zum Beispiel – dazu später – habe ich auch welche gesehen. Da Ricardo, Rodrigos Bruder einen Großteil dieser




Arbeiten übernommen hat, habe ich nicht wenig gestaunt, als er die Getränke für die ganze Gruppe eingekauft hat: 38 Liter Wodka und ca. 580 Liter Bier in überdimensional großer Bierkisten. Der Abend begann dann mit der sogenannten Concentração – wir würden es Vorbrennen nennen. Allerdings handelte ich sich tatsächlich um die konzentrierte Alkoholaufnahme. An diesem Abend stand lediglich Wodka auf der Karte. Es durfte zwar gemixt werden, aber das hat den Abend auch nicht mehr gerettet…
Die Concentração fand in einer angemieteten „Hütte“ – wobei die Hütte eigentlich keine Wände hatte, wozu auch, braucht man hier nicht – also unter einem angemieteten Dach statt. Dort wurde wie gewohnt getrunken, Musik aus ´nem gepimpten Chevrolet Corsa gemacht und ich habe fleißig Leute kennengelernt. Oder sagen wir es so: Das „Kennenlerndilemma“ hatte begonnen. Denn, soviel kann ich vorweg nehmen, den ganzen Karneval habe ich so viele kennengelernt, nicht mal im nüchternen Zustand könnte ich mir all ihre Gesichter, geschweige denn ihre Namen merken. Naja, jetzt kennt mich die halbe Stadt und ich grüße immer locker, lässig zurück, wenn ich vermeidliche Bekannte auf der Straße treffe. Ihr wisst ja, souveränes Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit – funktioniert auch hier… hehe
Einige Stunden später und um einige Promille voller ging dann der gesamte Bloco in den Clube. Diese Örtlichkeit ist irgendwie eine Mischung aus Stadthalle, Disko und Sporthalle. Die Party, die dort an allen fünf Tagen des Karnevals gefeiert wurde, war eigentlich immer gleich. Deswegen soll´s reichen, wenn ich einmal davon erzähle.
Zunächst einmal musste ich feststellen, dass der Eintritt für Nichtmitglieder des Vereins, der den Clube betreibt – ein anderer als die Blocos sind – ziemlich happig war. 25 R$ (ca. 10€) pro Abend ist hier nicht wenig Geld. Aber es wurde auch einiges geboten. Zumindest schätze ich das, denn ich war nicht ein Mal nüchtern im Clube. Über die Qualität der Liveband kann ich deshalb nur mutmaßen. Was mir in Erinnerung geblieben ist, ist die vielfältige und auf jeden Fall lustig Musik und die beiden Tänzerinnen, die fleißig alle fünf Tage auf der Bühne durchgetanzt haben.





Das, wie immer hochgradig runter gekühlte Bier war dafür für 2,50 R$ (ca. 1€) zu haben und hat die trockenen Kehlen, der wie immer Tanzwütigen erfrischt. Ich hatte meinen Spaß und habe viel getanzt, Fotos gemacht mit „Bekannten“ und echten Unbekannten und mich viel Unterhalten. Natürlich war jeder interessiert, „den Deutschen“ kennen zu lernen. Das ist zwar schön, so viel Aufmerksamkeit zu kriegen, hat mich aber auch enorm angestrengt. Obwohl sich meine Portugiesischkenntnisse mit jedem Bier potenziert haben, wenn auch nur bis zum nächsten Morgen… hehe
Geendet hat dieser Morgen wie jeder - an einem der Burgerstände auf der Straße oder bei Rodrigos Onkel, der in der Stadt eine Bar hatte und immer einen Absacker parat hatte oder in seinem Reiseintopf auf dem Herd gerührt hat. Mhhh, das war genau das richtige nach so einer durch gerockten Nacht. Gegen fünf, sechs oder sieben ging es dann endlich ins Bett.


Samstag 02.02.2008
Der Samstag gestaltete sich verhältnismäßig ruhig. Da meine Pläne, nach Rio zu fahren vorerst gestorben waren (Diese Stadt befand sich bereits im Ausnahmezustand und es war unmöglich eine Unterkunft oder Karten für die Umzüge zu organisieren – zumindest nicht, ohne sich für den Rest seines Lebens zu verschulden!), habe ich ausgeschlafen und den Tag damit verbracht meinen Kater zu bekämpfen. War schon hart an der Grenze… Von daher hätte ich sowieso nirgends hinfahren können.Abends jedoch strömte allen, auch mir unerwartet wieder Energie in die Glieder – oder war es doch Alkohol? Naja, ist ja auch irgendwie Energie. Einen Bloco gab es an dem Abend nicht, dafür aber einen kleinen Vorbrenner bei Rodrigo zu Hause mit einigen jetzt doch bekannten Gesichtern. Danach, wie gehabt ging es in den Clube. Ich war verhielt mich relativ ruhig an dem Abend, um mich für den nächsten Tag zu schonen, denn es stand großes bevor. So habe ich meine Bekanntschaften und Sprachfähigkeiten auch ohne übermäßigen Alkoholkonsum versucht zu festigen. Meinen Spaß hatte ich dennoch und irgendwie waren wir ja schon alle Freunde. Ins Bett kam ich dennoch erst gegen fünf.


Ein Video von uns an diesem Abend findet ihr unter:


http://www.youtube.com/RomannoBrasil

Alle Fotos davon könnt bei Picasa anschauen:

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Viele liebe Grüße,

euer Roman